Michael Dittmar aus Bochum beschäftigt sich bereits seit mehr als fünfzehn Jahren mit Elektrofahrzeugen. Damit gehört er zu den frühen Praktikern der Elektromobilität im freien Werkstattbereich. Seine Erfahrungen reichen zurück bis in eine Zeit, in der Elektroautos noch selten waren und oft aus umgebauten Verbrennerfahrzeugen bestanden. Inzwischen hat sich die Technik deutlich verändert. Moderne Elektrofahrzeuge werden von Grund auf als solche entwickelt, häufig rund um die Batterie konstruiert. Gleichzeitig treten neue Hersteller auf den Markt, die ursprünglich aus der Batterie oder Ladeinfrastruktur kommen und erst später Fahrzeuge entwickeln.
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Trotz dieser Veränderungen bleibt für viele Werkstätten eine zentrale Erkenntnis bestehen. Ein Elektroauto ist in großen Teilen immer noch ein Auto. Reifen, Bremsen, Fahrwerk, Karosserie, Glas und viele elektronische Komponenten entsprechen im Grunde den bekannten Systemen aus der klassischen Fahrzeugtechnik. Lediglich der Antrieb unterscheidet sich. In der Praxis bedeutet das, dass Elektrofahrzeuge für freie Werkstätten keine völlig fremde Welt darstellen, sondern eher eine Erweiterung des bekannten Spektrums.
Welche Reparaturen sind bei Elektroautos tatsächlich relevant?
Ein weit verbreitetes Vorurteil lautet, dass bei Elektroautos vor allem die Batterie das zentrale Problem darstellt. In der öffentlichen Diskussion wird häufig davon ausgegangen, dass Batterien regelmäßig ausfallen und dann sehr teuer ersetzt werden müssen. Die Werkstattpraxis zeigt jedoch ein anderes Bild. Viele Reparaturen betreffen ganz klassische Fahrzeugkomponenten, die auch bei Verbrennerfahrzeugen verschleißen oder beschädigt werden.
Zu den typischen Arbeiten zählen Bremsenservice, Fahrwerksarbeiten, Glasreparaturen oder auch elektrische Probleme in der Fahrzeugperipherie. Selbst Marderschäden spielen eine Rolle. Für den Marder ist es schließlich egal, ob ein Kabel orange oder schwarz ist. Wird ein Hochvoltkabel beschädigt, führt das häufig zu Isolationsfehlern, die sich durch Warnmeldungen im Fahrzeug bemerkbar machen.
Auch Elektromotoren selbst können Defekte aufweisen, obwohl sie als sehr robust gelten. In der Praxis treten beispielsweise Lagerprobleme auf. Ein konkretes Beispiel aus der Werkstatt zeigt, dass ein Elektromotor eines Renault Zoe ungewöhnliche Geräusche entwickelte. Die Diagnose ergab einen Lagerschaden im Motor.
Da der Hersteller nur komplette Austauschmotoren anbot und diese nicht verfügbar waren, entschied sich die Werkstatt für eine eigene Reparaturlösung. Nach dem Zerlegen des Motors stellte sich heraus, dass Standardkugellager verwendet wurden. Nach dem Austausch der Lager konnte der Motor wieder zusammengesetzt und das Fahrzeug repariert werden. Für den Kunden bedeutete das eine deutlich günstigere Lösung als der ursprünglich vorgesehene Austausch des kompletten Motors.
Warum entstehen solche Defekte überhaupt?
Die Ursachen solcher Schäden sind oft technischer Natur. Bei Elektromotoren können sogenannte Ableitströme auftreten, die über die Kugellager fließen. Dadurch entstehen mikroskopische Schäden an den Lagerflächen. Mit der Zeit führt das zu rauen Oberflächen und letztlich zu Geräuschen oder Ausfällen. Inzwischen existieren Lagerlösungen mit Keramikkugeln, die solche Effekte verhindern können. Dieses Beispiel zeigt sehr deutlich, dass Elektromobilität nicht nur neue Herausforderungen, sondern auch neue Reparaturmöglichkeiten für freie Werkstätten eröffnet.
Ein weiteres typisches Problem betrifft Verschleiß durch Staub im Motorinneren. Einige Elektromotoren arbeiten mit Schleifkohlen und Kupferringen. Durch die Rotation entsteht Kohlen und Kupferstaub, der sich im Motor verteilt und elektrische Isolationsprobleme verursachen kann. Auch solche Schäden lassen sich häufig reparieren, etwa durch Reinigung und Austausch einzelner Bauteile.
Welche Hürden sehen viele freie Werkstätten beim Thema Elektroauto?
Trotz dieser Möglichkeiten gibt es weiterhin viele Betriebe, die sich mit Elektrofahrzeugen schwer tun. Häufig wird argumentiert, dass der Aufwand für Schulungen, Spezialwerkzeuge und Sicherheitsmaßnahmen zu hoch sei. Außerdem wird darauf verwiesen, dass der Fahrzeugbestand weiterhin stark vom Verbrennungsmotor geprägt ist.
Michael Dittmar sieht diese Bedenken differenziert. Natürlich erfordert Elektromobilität Weiterbildung und Anpassungen in der Werkstatt. Gleichzeitig sei Weiterbildung im Kfz-Gewerbe nichts Neues. In der Vergangenheit mussten sich Werkstätten ebenfalls an neue Technologien anpassen. Die Einführung von Einspritzanlagen, komplexer Motorelektronik oder moderner Diagnosesysteme stellte Betriebe ebenfalls vor Herausforderungen. Dennoch gehören diese Systeme heute zum Standard.
Die Elektromobilität ist aus dieser Perspektive lediglich der nächste Schritt in einer langen Entwicklung. Wer sich darauf einlässt und bereit ist zu lernen, kann auch diese Technik beherrschen.
Welche Chancen bietet Elektromobilität für freie Werkstätten?
Werkstätten, die sich früh mit Elektrofahrzeugen beschäftigen, können sich einen deutlichen Wettbewerbsvorteil verschaffen. Viele Kunden suchen gezielt nach Betrieben, die sich mit dieser Technik auskennen. Gleichzeitig zeigt sich, dass einige Werkstätten Elektroautos weiterhin ablehnen. In solchen Fällen werden Kunden häufig an spezialisierte Betriebe verwiesen.
Das führt dazu, dass sich bestimmte Werkstätten eine starke Position im Bereich Elektromobilität aufbauen können. In der Praxis kann sich daraus sogar ein neuer Kundenstamm entwickeln. Manche Betriebe erreichen inzwischen einen erheblichen Anteil ihres Umsatzes mit Elektrofahrzeugen.
Ein weiterer Vorteil liegt im Image. Werkstätten, die offen für neue Technologien sind, werden häufig als modern und zukunftsorientiert wahrgenommen. Kunden merken sich solche Betriebe und kommen auch für andere Arbeiten zurück.
Ist Elektromobilität für Werkstätten eine Option oder eine Notwendigkeit?
Die entscheidende Frage für viele Betriebe lautet, ob Elektromobilität lediglich ein Zusatzangebot oder eine notwendige Entwicklung ist. Die Antwort hängt stark von der Perspektive des Werkstattbetreibers ab. Wer plant, seine Werkstatt in wenigen Jahren aufzugeben, kann möglicherweise darauf verzichten. Wer jedoch langfristig im Markt bleiben möchte, sollte sich mit der Technik auseinandersetzen.
Stillstand ist in einer technisch geprägten Branche selten eine gute Strategie. Fahrzeuge verändern sich kontinuierlich, und Werkstätten müssen sich mit ihnen weiterentwickeln. Elektromobilität ist deshalb weniger eine Modeerscheinung als ein weiterer Schritt im technologischen Wandel der Automobilbranche.
Unser Werkstatt Insider Podcast zeigt anhand praktischer Beispiele aus der Werkstatt, dass Elektromobilität nicht nur Herausforderungen mit sich bringt, sondern auch Chancen für kreative Lösungen, neue Geschäftsfelder und langfristige Kundenbindung bietet. Wer Elektromobilität als Chance begreift, kann seine Werkstatt zukunftssicher aufstellen und gleichzeitig zeigen, dass echtes Handwerk auch in einer elektrifizierten Fahrzeugwelt gefragt bleibt.
