Wer den Werkstatt Insider Podcast zum ersten Mal hört, merkt sofort: Hier geht es nicht um Hochglanz-Sprech, sondern um Werkstatt-Realität. In der ersten regulären Folge nehmen Jens, Michael und Moritz ein Thema auseinander, das viele Betriebe gleichzeitig neugierig und skeptisch macht: digitale Elemente in der praktischen Gesellenprüfung. Anlass ist ein Modellversuch in Dresden. Dort absolvieren rund 100 angehende Kfz-Mechatroniker einen Teil der praktischen Prüfung an einer digitalen Prüfungsstation. Es geht um Fehlerdiagnostik, also um genau den Bereich, der im Alltag längst digital begleitet wird, aber eben nicht digital gelöst ist.
Warum kommt das Thema jetzt und was ist daran neu?
In Dresden soll eine Computersimulation praxisnahe Fehlerbilder abbilden. Der entscheidende Punkt ist dabei weniger die Technik-Spielerei, sondern die Vergleichbarkeit. Wenn Prüflinge an verschiedenen Fahrzeugen mit unterschiedlichen Fehlern arbeiten, wird die Bewertung schnell schief. Nicht weil Prüfer unfair sind, sondern weil die Ausgangslage nicht identisch ist. Eine Simulation kann definierte Störungsbilder bereitstellen, für alle gleich, jederzeit reproduzierbar. Das klingt erstmal sauber, fair und modern.
https://youtu.be/7mz6Hk0TnXg
Michael bremst direkt die Revolution. Digital in Prüfungen ist kein Neuland. In Bochum läuft die schriftliche Prüfung seit Jahren online. Das ist etabliert und organisatorisch sinnvoll. Aber die praktische Prüfung ist bewusst weiterhin praktisch, weil man sehen will, ob jemand das Handwerk beherrscht und Handwerk bedeutet eben nicht nur klicken, sondern anfassen, messen, beurteilen, sauber arbeiten.
Diagnose ist nicht Stecker rein und fertig!
Ein Kernmoment der ersten richtigen Podcast Folge ist die klare Abgrenzung zwischen Fehlerspeicher und Diagnose. Der Tester liefert keine Wahrheit, er übersetzt nur Symptome aus dem Steuergerät in eine Sprache, die wir lesen können. Michael bringt dafür den Vergleich mit dem Arzt: Der Patient sagt Kopfschmerzen und mehr nicht. Ob das von Stress, Alkohol, einem Stoß oder falscher Belastung kommt, muss erst herausgefunden werden. Genau so ist es am Auto: Der Fehlereintrag sagt dir, wo es wehtut! Nicht, was kaputt ist.
Das ist auch eine Erwartungsfalle bei Kunden. Viele glauben, Werkstatt heißt Stecker dran – Bauteil tauschen – Rechnung schreiben. In der Realität beginnt die Arbeit nach dem Auslesen erst richtig: prüfen, messen, eingrenzen, Ursachen voneinander trennen. Und manchmal steckt die Ursache da, wo niemand sie vermutet. Zum Beispiel ein Massefehler in der Rückleuchte, der vorne das Lichtkino auslöst. Diagnose ist Systematik, nicht Lotto.
Was die Simulation besser kann als das echte Auto
Trotz aller Skepsis hat die digitale Prüfungsstation echte Vorteile. Der wichtigste: Komplexe und sicherheitskritische Szenarien lassen sich darstellen, ohne dass man an realen Fahrzeugen gefährliche oder extrem aufwendige Setups bauen muss. Damit ist die Brücke zum Elektroauto schnell geschlagen. Niemand will Prüflinge in einer Prüfung an offenen Hochvolt-Komponenten herumoperieren lassen. In der Praxis geht es bei Hochvolt-Themen ohnehin oft um die korrekte Freischaltung nach Herstellervorgabe, um sichere Abläufe, um Informationsbeschaffung und um saubere Messungen wie die Isolationsprüfung. Das lässt sich zumindest teilweise standardisieren und fair prüfen.
Der zweite Vorteil ist der Reset-Effekt. Eine Simulation kann nach jedem Prüfling sauber zurückgesetzt werden. Am realen Fahrzeug ist das deutlich aufwendiger, besonders wenn in einer Stunde Diagnosezeit ein Fehlerbild gelöst werden soll und anschließend der nächste bei null starten muss. Und ja: Man kann in einer digitalen Umgebung theoretisch viel mehr Varianten abbilden als an einem physischen Prüfstand mit zwei oder drei umsteckbaren Fehlerquellen.
Wo digital an Grenzen stößt und warum das Werkstatt-Leute sofort fühlen
So offen Michael für neue Ideen ist, so klar ist seine Linie bei einem Punkt: komplett digital hält er für falsch. Nicht aus Prinzip, sondern weil der Beruf nicht aus Bildschirm-Momenten besteht. Ein Teil der Realität ist eben, dass schon das Anschließen des Messkontakts eine Hürde sein kann. Welche Prüfspitze brauche ich? Muss der Stecker ab oder darf er dran bleiben? Wie komme ich an den Punkt ran, ohne etwas zu beschädigen? Genau diese „kleinen Kämpfe“ entscheiden in der Werkstatt täglich darüber, ob ein Auftrag sauber durchläuft oder zur Zeitfalle wird.
Dazu kommt das Thema Transferleistung. Michael beschreibt, dass viele Prüflinge schwerer damit tun, Gelerntes auf neue Situationen zu übertragen. Wenn in der Vorbereitung an einem Fahrzeug Lichtmaschine gemessen wurde und in der Prüfung steht plötzlich ein anderes Fabrikat – oder es geht statt um den Generator um den Anlasser – dann wird es manchmal unnötig holprig, obwohl die Prinzipien ähnlich sind. Aber genau das ist Werkstattalltag: Du bekommst keinen Lehrbuch-Auftrag, du bekommst einen Kundenauftrag. Und der Kunde liefert selten die Info, die du dir wünschst.
Der sinnvolle Mittelweg: digital als Werkzeug, nicht als Ersatz
Der gemeinsame Nenner in der Folge ist erstaunlich ausgewogen. Ja, digitale Elemente können sinnvoll sein – gerade bei standardisierten Diagnoseabläufen, bei gefährlichen Szenarien, bei Fragen der Vergleichbarkeit und bei Inhalten, die am realen Fahrzeug im Prüfungsrahmen kaum sauber abbildbar sind. Eine Gesellenprüfung darf nicht zur reinen Simulation werden, weil am Ende ein Handwerker rauskommen soll. Autos bestehen nicht nur aus Steuergeräten und Kabeln. Da sind Räder, Lager, Bremsen, Fahrwerk, Mechanik, Karosserie, Glas, Blech. Das muss jemand anfassen, prüfen, beurteilen und im Zweifel reparieren können.
Und auch wichtig: Eine Prüfung muss nicht möglichst schwer sein. Anspruchsvoll heißt nicht, dass möglichst viele durchfallen. Anspruchsvoll heißt, dass die Breite des Berufs realistisch abgefragt wird – so nah wie möglich an dem, was später als „Kunde steht da – Auto steht da – Problem steht da“ auf dem Hof passiert.
Bullshit der Woche: Der OBD-Fuel-Saver als blinkender Blindstecker
Zum Schluss kommt das Segment, das Werkstatt Insider diesen leicht investigativen Spaß gibt: Jens holt einen angeblichen Fuel Saver aus der Tasche – ein OBD-Dongle, der 15 Prozent Sprit sparen soll, angeblich patentiert, mit Garantie und Money-Back. Das Ding wird geöffnet und technisch entzaubert. Innen: eine kleine Platine, ein Reset-Schalter, LEDs und ein Operationsverstärker – die Kennzeichnung wurde sogar entfernt. Der entscheidende Befund: Es gibt nur eine Verbindung zu 12-Volt und Masse über die OBD-Buchse. Keine Verbindung zu den Kommunikationspins, kein Zugriff auf Daten, keine Steuerung – also auch keine Möglichkeit, irgendetwas am Motor-Management zu beeinflussen und schon gar nicht das Steuergerät neu zu programmieren.
Unterm Strich blinkt das Teil bunt und zieht Strom. Und wenn man es lange genug stecken lässt, leert es die 12-Volt-Batterie. Der trockenste Gag der Folge ist gleichzeitig die ehrlichste Pointe: Wenn das Auto nicht mehr startet, spart man definitiv Kraftstoff.
Damit ist die Botschaft für Werkstätten und Kunden ziemlich klar: Solche Universalversprechen sind technisch nicht plausibel. Wer sparen will, spart über Wartungszustand, Reifendruck, Fahrprofil und Fahrweise und nicht über einen blinkenden Dongle, der im besten Fall nichts tut und im schlechtesten Fall nervige Fehlermeldungen provoziert.
